Elbinsel, 25.06.2019
Wilhelmsburger Kunstbüro und Freunde Wilhelmsburger Kunstbüro und Freunde

 

Viele Jahre war Marianne (Name geändert) zweite Vorsitzende des Vereins. Wir absolvierten gemeinsam Lesungen (M. schrieb Gedichte). Häufig kam sie zu unseren Radio-Sendungen mit ins Studio (beim „FSK“ und später beim „Offenen Kanal“). Als ich beim FSK unter dem Vorwand „Sexismus“ und „Verharmlosung des Faschismus“ gemobbt wurde, unterstützte sie mich. Ab und zu tauchte sie auch privat bei mir auf im Otterhaken. Eines Tages verschwand sie spurlos. Ich wusste, daß sie Eheprobleme hatte und aus dem Haus ihres Mannes mit den Kindern ausziehen wollte. Sie hatte einen neuen Partner. Sie kam einfach nicht mehr zu Kunstbüro-Veranstaltungen, meldete sich nicht. Ich hatte weder ihre neue Anschrift noch Telefonnummer. Auch bei Mitgliederversammlungen ließ sie sich nicht blicken. Sie wusste, daß wir einmal im Jahr MV hatten ... Marianne blieb verschwunden. Eines Tages aber, vier oder fünf Jahre später, traf ich sie zufällig in Wilhelmsburg auf der Fährstraße. Sie unterhielt sich mit einer anderen Frau. Als sie mich sah, rief sie meinen Namen, war ganz freundlich – als ob nichts gewesen wäre und wir uns vor zwei Tagen zuletzt gesehen hätten. Ich sagte nur „Hallo“, ging weiter und dachte „Leck mich!“. Ein paar Tage später sah ich sie noch mal, bei Lidl. Da sagte ich nicht mal mehr „hallo“.

 

Bis ich derart cool und abweisend bin, muß einiges passieren. Ich kann eine Menge einstecken, auch an Kritik. Aber jahrelange Abwesenheit, und dann so tun, als sei alles ganz „normal“ – da spiele ich nicht mit.

 

Ein anderes Kunstbüro-Mitglied, der mich sehr enttäuschte, war Walter (Name geändert). Er wohnte in Finkenwerder, schrieb begeistert literarische Texte, war Fan von Jacques Brel und Boris Vian, zwei französischen Musikern und Dichtern. Walter hatte eine ganz „liebe“ und „aufrichtige“ Art – wie soll ich sagen: Ein Mensch, der mit jedem Augenaufschlag zeigt, was für ein netter Kerl er ist. So ein echter „Alternativer“, schon vom Äußeren her. Er war gegen Kapitalismus, gegen AKW’s, gegen Krieg und Bundeswehr, speziell gegen den „Euro-Fighter“. Er kam regelmäßig zu Lesungen, ich organisierte für ihn eine Ausstellung, unsere Zeitschrift „ELB-INSEL“ brachte mehrmals Texte von ihm. Einmal gestaltete er mit einem anderen Kunstbüro-Mann aus Finkenwerder eine ELB-INSEL-Ausgabe fast komplett ohne meine Hilfe. Das war eine Entlastung für mich, da ich die Zeitschrift ansonsten quasi im Alleingang herstellte und verkaufte. Der andere Kunstbüro’ler aus Finkenwerder war ein ganz anderer Typ. Robert (Name geändert) hatte zwar einen ähnlichen Musikgeschmack wie ich („Captain Beefheart“ und andere Hardcore-Blueser, Punks u.ä.), und sah fast noch „alternativer“ als Walter aus mit seinem Vollbart und langen Haaren. Er war auch gegen die Bundeswehr usw. Was ihn mir unsympathisch machte war, daß er die Todesstrafe befürwortete. „Kinderschänder Kopf ab!“ forderte er, und betonte, daß er selber den Henker machen würde.

 

Nachdem Walter und Robert eine Zeitschrift fast allein herstellten, kritisierte ich, daß sie den Etat weit überschritten. Daraufhin traten beide aus dem Verein aus. Nur Walter kam noch zwei oder dreimal, um mir seine neuesten literarischen Texte zu zeigen. Er versprach sich eine Menge von meinen Kommentaren – immerhin befasse ich mich seit vielen Jahren auch mit stilistischen Fragen und verfüge, was Sprache betrifft, über eine gewisse Kompetenz. Neu war nun an W.’s Auftreten, daß er mir weder seine Telefon-Nummer noch Anschrift sagen wollte. Einen Grund nannte er nicht. Als er nach der zweiten Text-Besprechung nicht mehr kam, war ich froh. Ich fühlte mich ausgenutzt. Zwar hatten Walter wie auch sein Kompagnon aus Finkenwerder an dem Freundschafts-Fest teilgenommen, das unser Kunstbüro-Verein 1991 in der Honigfabrik veranstaltete. Und ich meinte es mit dieser „Freundschaft“ auch ernst. Aber ich lernte im Laufe der Jahre in vielen Begegnungen, daß Freundschaft ein hoher Wert ist, ich aber nicht in die Menschen hineinschauen kann. Mit anderen Worten: In mancherlei Hinsicht bin ich naiv. Ich glaube zwar, daß ich etwas von einem Menschenkenner in mir habe, aber ... Ein großes ABER: Ich bin nicht gegen Enttäuschungen gefeit. Ich werde mein ganzes Leben, so lange wie ich auf Menschen zugehe, immer damit rechnen müssen, daß ich abserviert, im Stich oder fallen gelassen werde. Genau so etwas erlebte ich übrigens an meiner letzten Arbeitsstelle bei Alsterdorf Assistenz West. Was in den Köpfen mancher Menschen vor sich geht, kann ich nur erahnen. Bei meinen Projekten, und dazu zähle ich auch Äußerungen in der Öffentlichkeit, gehe ich Risiken ein und biete Angriffsflächen. Das macht offenbar einigen Menschen Angst. Ich denke zunächst positiv über andere, über fast jeden eigentlich. Und bilde mir ein, mit meinen Projekten auch für andere etwas zu bieten zu haben. Vielleicht irre ich mich schon hier. Ich will hier nicht groß spekulieren, was Leute dazu bringt, sich ohne eine Begründung aus dem Staub zu machen. Ich weiß es nicht.

 

Es gibt andere Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren. Ein gutes Beispiel ist Sebastian (Name geändert), der mehr als 10 Jahre Mitglied im Verein war, sogar im Vorstand. Er sagte mir eines Tages, daß er austreten wolle, da sich seine Interessen in eine andere Richtung bewegten. „Kein Problem“, sagte ich. Unser Verhältnis hat sich nicht verschlechtert. Ich treffe Sebastian häufig in Wilhelmsburg, bei Veranstaltungen, aber auch auf der Straße. Eine gewisse Nähe ist immer geblieben, da S. auch Texte schreibt und damit auftritt, u.a. bei WortKunst-Poetry. Aber ich habe nicht vor, ihn zu überreden, wieder Mitglied zu werden. Ich respektiere seine Entscheidung. Außerdem: Er bezahlte stets seine Mitgliedsbeiträge. Auch das spielt natürlich eine Rolle. Da gibt es ganz andere Leute ... Ich komme zum letzten Negativ-Beispiel ... :

Klaus (Name geändert) war seinerzeit unser jüngstes Kunstbüro-Mitglied, als 1989 der Verein gegründet wurde. Er war gerade 18. Aber schon äußerst pfiffig und clever!! Wenn ich ihn mit mir selber vergleiche, als ich 18 war: Schüchtern, linkisch, verklemmt ... Also Klaus war da ganz anders. Ich traf ihn häufig, er wohnte quasi um die Ecke. K. machte bei etlichen Kunstbüro-Veranstaltungen mit, kam sowohl zu Lesungen als auch Ausstellungen, war hilfsbereit, packte mit an ... Er schrieb auch Texte, u.a. zum Thema Body-Building. Eines Tages war ich wg. unserer ELB-INSEL-Zeitschrift schwer unter Druck. Klaus sagte mir, daß er ein paar Tage verreisen würde, er hätte keine Zeit. Da ich bei der Sache, die sich um die Zeitschrift drehte, auf ihn angewiesen war, schrieb ich ihm eine Nachricht. Sein Vater, bei dem Klaus wohnte, ließ mich freundlich ein und ins Zimmer seines Sohnes. „Kannste das Papier hinlegen“. Wie staunte ich aber, als ich im Zimmer meines Kunstbüro-Kollegen einen Zettel fand mit einer Nachricht, die (wahrscheinlich) für seinen Vater bestimmt war. Auf dem Zettel las ich: „Wenn Samson klingelt, auf keinen Fall sagen, daß ich zu Hause bin“. Der Zettel überraschte mich. Sehr unangenehm. Damit rechnete ich nicht. Ich machte Klaus aber keine Vorhaltungen. Ich merkte, daß er eh auf dem Absprung war. Ich ließ ihn einfach in Ruhe. Er hatte zwar noch Schulden, was den Mitglieds-beitrag betrifft, aber ich hatte keine Lust, deshalb hinter ihm her zu laufen. Klaus war einer von den Leuten, die sich engagierten und stark vom Verein profitierten. U.a.

 

Mein Thema heißt Enttäuschungen. Ich lernte im Laufe der Jahre, wie weit ich gehen kann, wenn ich Andere in meine Projekte einbeziehe. Ich hoffte und hoffe dabei natürlich immer, daß sie nicht meinetwegen mitmachen, jedenfalls nicht in erster Linie, sondern weil sie selber etwas davon haben. Bei einigen scheine ich mit meiner Einschätzung richtig zu liegen. Andere Mitglieder sind mir ein Rätsel. Manche Rätsel würde ich gerne lösen, andere lasse ich auf sich beruhen.

 

Ich möchte positiv mit meinen Überlegungen schließen.

 

Eine ganze Reihe von Menschen sind schon 10 oder 20 Jahre im Verein, und ich fühle mich von ihnen unterstützt. Zwei ehemalige Freundinnen, die irgendwann die enge Beziehung mit mir beendeten, hielten mir in anderer Hinsicht die Treue und wurden Mitglieder im Verein. Darüber freue ich mich natürlich, bestätigt es mich doch in meiner Vermutung, daß nicht alles falsch an mir und meinen Ideen sein kann.

 

Das Positive überwiegt. Auch wenn es Leute gibt, die mich einfach nur für „daneben“ halten.

 

Ich überstehe Enttäuschungen, indem ich möglichst früh erkenne, wo mögliche Knackpunkte liegen, wo die Interessen zu weit auseinander gehen. Auf Sympathie oder Gefühle allein verlasse ich mich nicht. Einige Erfahrungen zeigen mir, daß ich mich echt verlieren kann, wenn ich zu emotional Projekte und Beziehungen angehe. Gefühle sind wichtig, aber auch die „Rea-lität“. Um hier nicht in einen ausufernden Roman zu geraten – allein bei dem Thema „Realität“ könnte ich Dutzende von Seiten schreiben – möchte ich zum Abschluß meiner Betrachtungen kommen.

 

 

Es geht immer weiter.

Ich habe Großes vor.

Es gibt Dinge, die ich allein machen kann.

Bei anderen brauche ich Unterstützung und Anregung von Außen.

Das Positive überwiegt.

 

29.6./3.7. 2013 Raimund Samson

 

 

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