Elbinsel, 27.05.2019
Wilhelmsburger Kunstbüro und Freunde Wilhelmsburger Kunstbüro und Freunde
Franzosen ‚la bohème‘ nennen“. (Zitat aus Wikipedia, „Lumpenproletariat“). Wer sich wundert, daß in der Auflistung „Maler, Bildhauer“ und „Künstler“ fehlen, bedenke, daß zu viertMaler damals noch nicht so isoliert und oft mittellos waren wie wenige Jahrzehnte später. Maler und Bildhauer, die sich durch Auftragsarbeiten finanzierten, waren angesehen. Der Begriff „Künstler“ wurde noch nicht wie heute pauschal für Kreative verwendet. Seit der Polemik von Marx gegen Stirner sind rund 160 Jahre vergangen. Seither hat sich sehr viel geändert: Staatssozialistische Systeme erwiesen sich als ruinös, letztlich nicht konkur-renzfähig gegen kapitalistische Markt-Ordnungen. Wie geht es heute im Kapitalismus denen, die man als „aller Energie beraubte Proletarier“ bezeichnen könnte? Marx zeigte, wem seine Zuneigung galt und wem er die Fähigkeit zu Rebellion bzw. Utopie absprach. Seine Einschätzung war falsch, aber der Begriff des „Lumpenproletarieres“, den er zur Abwertung benutzte, ist interessant. Für mich sind diese Klischee-Figuren und Typen lebendig. „Literaten“, „Vagabunden“, „Gauner“, „Spieler“, „verkommene und abenteuerliche Ableger der Bourgeoisie“ kenne ich etliche – bin ich nicht auch einer, etwa „Literat“, “Spieler“, „Gaukler“? Als „Bohememian“ sehe ich mich nicht, denn ich begreife meine kreative Tätigkeit durchaus als Arbeit. Aber „Literat“, „Spieler“ und „Gaukler“ bin nicht nur ich selber, sondern ich zähle dazu auch einige Freunde und Bekannte.
Seit Marx haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse geändert – auch das Denken, Fühlen, die Einstellung zur Gesellschaft, zum Soziotop, zur „Umwelt“, zu den „herrschenden Werten“ haben sich mehrfach gewandelt. Die Wissenschaft hat ungeheure Fortschritte gemacht, ebenso die Technisierung – ganz zu schweigen von Informatik und Internet. Auch die Einstellung zu Ideologien, Weltverbesserungs-Ideen – sowohl politischer als auch religiöser Art, ist eine völlig andere als zu Zeiten von Marx.
Trotzdem meine ich, daß es auch heute noch Sinn macht, sich mit Marx und vor allem mit Max Stirner, dem Autor von “Der Einzige und sein Eigentum“, zu befassen.  
In Wilhelmsburg, jenem Hamburger Stadtteil, in dem ich seit 1986 lebe, schloß ich  Bekanntschaft mit Menschen, die Marx als „Lumpenproletarier“ bezeichnet hätte; Menschen zum Beispiel, die mit dem bürgerlichen Gesetz brachen und zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Mit einigen freundete ich mich an, zB mit einem Tschechen, der seit 1968 in Deutschland lebt und aufgrund seines Vorstrafen-Registers nicht die deutsche Staatsbürgerschaft erhält. Er wohnte in meinem Haus und wir sahen uns häufig. Er war schwer alkohol- und drogenabhängig. Ich widmete ihm, nachdem er ausziehen musste, einen Text („Jiri“) und eine Skulptur: „Stadtlandschaft mit Phantom“.
Ein anderer, mir ebenfalls wichtiger Kontakt, bestand zu stadtlandschaft mit phantomManni Kranz, einem vorbestraften Tresor-Knacker und Obdachlosen. Er hatte seinen Wohnwagen ,ohne Wasseranschluß und Toilette, auf einem Gelände in Harburg stehen. Ich war fasziniert von dem Vertreter jenes Quasi-Berufs, der einem normalerweise nur in Krimis und Groschen-Heften begegnet. Manni  war weder krankenversichert noch polizeilich gemeldet, er lebte von kleinen Aufträgen im Hafen und jobbte für eine Gebrauchtwagen-Firma. Wir freundeten uns an. Bei dem „Wilhelmsburger Busgalerie“-Projekt unseres Kunstbüros half er als Fahrer aus. Er hatte durch einen selbst verschuldeten Unfall ein Bein verloren, fuhr aber trotzdem Auto – einen Automatik-Wagen. Der Opel war auf meinen Namen zugelassen. Mit ihm transportierten wir 2007 während der „Busgalerie“-Aktivitäten Anhänger, Baugerüst und Material. Manni war zuverlässig. Ich ging, als Gegenleistung, mit ihm und für ihn zum Amt, füllte Anträge aus ... damit er wenigstens seine Grundversorgung von Arge bekam und krankenversichert war. Manni erzählte gerne von seinen Einbrüchen, auch von Gefängnis-Aufenthalten in Neumünster, Lübeck und Arnheim (Holland). Ich hörte gerne zu. Dies war eine andere Welt, romantisch verbrämt. Bei Ausflügen nach Mecklenburg zeigte er mir ehemalige Wirkungsstätten. Besonders Post-Filialen hatte er seinerzeit gerne aufgesucht – nach dem Mauerfall waren Poststellen im Osten noch relativ schwach gesichert. lumpen manni dolument Es ging aufwärts mit Manni und mit unserer Freundschaft. Dachte ich. Es kam anders. Manni wurde mein Untermieter – bis er das Mietgeld, das ihm Arge überwies, mir vorenthielt – und mich in arge Verlegenheit brachte. Arge überwies das Geld weiter an den Mann, dem ich vertraut hatte. Obwohl die Wilhelmsburger Arbeitsagentur wusste, daß mein Untermieter das Geld einbehielt, zahlte sie ihm weiterhin die Miete. ... Ich klagte gegen Manni vor Gericht und bekam Recht. Das ausstehende Geld bekam ich aber nicht. Einmal stand die Kripo vor meiner Wohnungstür und suchte meinen Ex-Untermieter. Der auf meinen Namen angemeldete Wagen war mit ungültigen Kennzeichen in einen Unfall verwickelt, bei dem der Fahrer sich unerlaubt entfernte. Manni erzählte mir später, der Wagen sei geklaut worden.. * Mannis Story endete nicht mit Happy-End. Ich bekam einen Anruf vom LKA, daß Herr Kranz in einer Harburger Wohnung tot aufgefunden wurde. Wahrscheinliche Todesursache (er war bereits stark verwest): Herz-Infarkt. Nun wurden Angehörige gesucht, die für die Beerdigungskosten aufkommen würden. Ich wusste nur, daß er eine Schwester in Bremen hatte – den Namen kannte ich nicht. Ende 2011 dann die Beerdigung auf dem Öjendorfer Friedhof. Ein Armenbegräbnis. Der Friedhofsgärtner, meine Freundin und ich erwiesen Manni die letzte Ehre. ** Meine Affinität zu Ganoven, Außenseitern und anderen Personen, die Marx als „Lumpenproletarier“ bezeichnete, rührt zum Teil von anarchistischer Ideologie und Romantik und meinem Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Eine Wurzel reicht auch in eine weit frühere Zeit zurück. Ich war dreizehn oder vierzehn Jahre alt und lebte in einem katholischen Internat. Eines Tages nahm mich der für mich zuständige Priester beiseite und stellte mir mit sorgenvoller Miene einige Fragen. Ihm sei aufgefallen, daß ich Freunde habe, die nicht zu mir passten. Diese Ermahnung vergaß ich nie. Erst später wurde mir klar, daß meine Mutter dahinter steckte. Es gibt von Franz-Josef Degenhardt ein Lied, „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“. Das Lied war mir damals noch unbekannt, aber was damit gemeint war, geläufig. Schon damals fand ich ungerecht, daß es Jungs gab, mit denen ich nicht spielen durfte, weil sie einen schlechten Einfluß auf mich ausübten oder ich einfach „zu gut“ für sie sei. Mit solcher Schmeichelei konnte ich nichts anfangen. Nach dem Abitur studierte ich in Heidelberg und machte Bekanntschaft mit dem „richtigen Leben“, auch mit Freunden, die meine Mutter nicht gemocht hätte.
Mein Vater hatte eine andere Einstellung als meine Mutter. Er kam von einem großen Bauernhof, mit 13 Geschwistern und fünf Mägden und Knechten. Sie wohnten alle in einem großen Haus. Die Mägde und Knechte waren in die Familie aufgenommen. Ich konnte die Situation leider nie direkt miterleben, denn meine Großeltern waren lange tot, als ich geboren wurde. Aber in Vaters Erzählungen und durch Besuche bei seinen Geschwistern, also meinen Onkels und Tanten, bekam ich Anschauungsunterricht in Großherzigkeit, in einfachem Denken und großfamiliären Beziehungen. Mein Vater arbeitete zuletzt bei der Bahn in mittlerer Position. Er war äußerst beliebt. Bei seinen Kollegen, aber auch bei den einfachen Arbeitern. Von dieser Art, die mein Vater hatte – er starb 2008 – habe ich etwas geerbt. Von meiner Mutter habe ich auch einiges geerbt, nämlich Überempfindlichkeit und neurotisches Verhalten. Ich leide heute nicht mehr so stark darunter wie in meiner Jugendzeit. Ich kann mich sogar teilweise damit identifizieren – als Künstler gestalte ich ja auch in gewisser Weise persönliche Probleme und besondere Empfindlichkeiten. Aber mehr verbunden fühle ich mich meinem Vater und seiner humorigen, stets hilfsbereiten Art.
Zurück ins „Hier“ und „Jetzt“.schlechter Umgang
Einen starken Sympathie-Schub für Lumpenproletarier, sprich Bettler, Obdachlose, Ex-Knackis, Außenseiter aller Art bekam ich im letzten Jahr, als ich in einer ev.-lutherischen Einrichtung meine Arbeit durch Mobbing verlor. Dieser Rausschmiß –nach außen wurde er schöngeredet- brachte schwere Nachteile für mich, vor allem finanzieller Art. Seit diesem Mobbing gibt es einen häßlichen Riß in meiner Vorstellungswelt, in meinem Bezug zur Gesellschaft und in meinem Lebensgefühl. Ich radikalisierte mich noch weiter. Und: Ich gehe in die Offensive. Aber ich bleibe Künstler, lasse mich vor keinen „rechten“ oder „linken“ ideologischen Karren spannen. Damit kommen einige Bekannte nicht klar. Andere sehr wohl. Ich erinnere mich jetzt sogar an positive Seiten der katholischen Kirche und der christlichen Religion, für die ich viele Jahre eher Verachtung übrig hatte – intellektuelle Verachtung und Geringschätzung. War Jesus nicht ein Rebell, ja ein Anarchist?!! War es nicht besser, für eigene Ideen und Freunde durchs Feuer zu gehen – und eventuell zu verlieren ... – als „gutbürgerlich“, aber gelangweilt und mit nagendem Gewissen sein Dasein zu fristen und keinerlei Risiko mehr einzugehn??
Haß und Wut sind schlechte Ratgeber ... ich bin von solchen Gefühlen nicht frei. Ich sehe sie als Zwischenstationen. Für das Andere, Bessere im Leben muß ich etwas tun.  
Als Künstler sehe ich meine Aufgabe darin, Ideen und Vorstellungen zu entwickeln und anderen zu zeigen. Es gibt immer positive und negative Gefühle. Ich will sie in eine Form bringen, gestalten. Negatives, Zurückgehaltenes, Angst machendes in Positives, Mut machendes, mich und andere Interessierendes transformieren. Und wenn es niemanden außer mich angeht, unterhalte ich mich selber, zB beim Filmen.
Wir wissen heute, daß Marx in vielem Recht hatte, aber in seinen Vorhersagen bezüglich  klassenloser Gesellschaft falsch lag. Und er war naiv –wenn auch ideologisch konsequent-  allein die Arbeiter für auserkoren zu halten, um die Menschheit zu Freiheit und sozialem Miteinander zu führen. Marx war nicht imstande, die positive Bedeutung und die Kreativität von Menschen zu sehen, die nicht der von ihm favorisierten Klasse angehörten. Das Wörtchen Kreativität kannte man damals noch garnicht.
Aber mir selber, der im Jahr 2015 lebt, schreibt mir niemand mehr vor, mit wem ich mich zusammentun und von wessen Impulsen, Anregungen, Intuitionen, Erfindungen usw. ich mich beeinflussen lasse ... ---
Fotos: aus MOBBING-Filmen, aus Obdachlosen-Filmen ...   
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